Polyommatus coridon
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Entdeckungsreisen in die Nomenklatur – Wer kennt Papilio linkia? *Foto*

Alte Lokalfaunen sind nicht nur deshalb deprimierend, weil man sieht, wie viele Arten – und ihre Lebensräume – mittlerweile verschwunden sind. Sie stellen den Faunisten auch vor Verständnisprobleme, denn die Nomenklatur des 19. Jahrhunderts unterschied sich zum Teil beträchtlich von der, die wir heute benutzen. Papilio machaon ist natürlich immer Papilio machaon gewesen – sofern er nicht mal sphyrus hieß. Aber was ist von Melitaea artemis zu halten? Das war im frühen 19. Jh. oft die erste Art im System – meistens begann man damals mit den Nymphaliden, nicht mit den Papilioniden.

Melitaea artemis ist Euphydryas aurinia.

Hier ein paar Beispiele aus der Arbeit „Systematisches Verzeichniss der Tagfalter, Schwärmer und Spinner, welche in der Umgebung von Boppard und Bingen vorkommen“ der Herren Bach und Wagner aus dem Jahr 1844:

Die Zusätze in blau sind die aktuellen Namen. Wie man sieht, muß man bei der Identifizierung der alten Namen große Vorsicht an den Tag legen. Man kann sich keineswegs blind darauf verlassen, daß die Art, die früher argus hieß, dieselbe ist, die wir heute als argus kennen.

Polyommatus icarus hieß früher alexis (eine Fehlinterpretation), während Glaucopsyche alexis unter dem Namen cyllarus bekannt war.

Aufpassen muß man bei Namen, die nur so ähnlich klingen wie aktuelle Namen: Lycaena hipponoe bezeichnet nicht etwa Lycaena hippothoe sondern Lycaena alciphron, während Lycaena hippothoe früher Lycaena chryseis hieß. Es gab auch eine Lycaena circe, die man, wenn sie – ganz früher – unter Papilio circe auftrat, nicht mit unserer jetzigen Brintesia circe verwechseln darf; es handelt sich nämlich um Lycaena tityrus. Brintesia circe konnte man damals nicht namentlich verwechseln, denn die hieß noch Papilio (oder Hipparchia/Satyrus) proserpina. Und diese wiederum konnte man – auch wenn der Gattungsname nicht genannt war – nicht mit dem Nachtkerzenschwärmer Proserpinus proserpina verwechseln, weil der damals als Sphinx oenotherae bekannt war – von Oenothera, der Nachtkerze. Da kann man gut erkennen, daß der deutsche Name des Schwärmers recht früh entstanden sein muß; er stammt aus der Zeit, als die Art noch Sphinx oenotherae hieß.

Die beiden kleinen Eisvögel haben ebenfalls einen Namenswechsel hinter sich und sind dadurch in der älteren Literatur schwer interpretierbar. Wer sich für Einzelheiten interessiert, findet hier die Erläuterung dazu: http://www.lepiforum.de/2_forum_2013.pl?md=read;id=11865#m_11865

Zwei Dinge erschweren die Interpretation. Zum einen gibt es natürlich meistens mehr als nur ein Synonym für eine Art. Maculinea nausithous Bergsträsser, 1779 tritt nicht nur als Lycaena erebus Knoch, 1782 auf, sondern kann auch Lycaena arcas Rottemburg, 1775 heißen. Arcas ist zwar der älteste dieser drei Namen, ist aber ein Homonym von Papilio arcas Drury, 1773 und somit ungültig. Homonymie war ein häufiges Problem in Zeiten, als alle Tagfalter noch in der Gattung Papilio standen oder – etwas später – alle Bläulinge in Lycaena, alle Augenfalter in Satyrus oder Hipparchia, alle Schwärmer in Sphinx usw. Im Lauf der Zeit wurden die Gattungen zwar immer stärker aufgesplittert, aber es wurden auch immer mehr neue Arten beschrieben.
Wie harmlos erscheinen aus heutiger Sicht die Sorgen der vorlinnéischen Autoren: Als Johannes Sperling, Professor an der Universität Wittenberg, 1661 in seinem Werk „Zoologica physica“ ein System des Tierreichs vorstellte, beklagte er sich bitter über die immer unübersichtlicher werdende Artenfülle in der Zoologie, waren doch damals schon 40 Käfer-, 50 Raupen-, 70 Fliegen- und über 100 Schmetterlingsarten bekannt… ;-)

Man tut also gut daran, sich bei der Lektüre älterer Literatur der Hilfe von Spezialisten zu versichern, um nicht vorschnell dem Trugschluß zu erliegen, daß vor der eigenen Haustür früher einmal Glaucopsyche alexis vorkam – meistens hat es sich bei diesem Artnamen um Polyommatus icarus gehandelt.

Ernst Peter Johann Spangenberg (1784-1833) war Jurist, ein Berufsstand, der von jeher viele Entomologen hervorgebracht hat. Während seines Jurastudiums in Göttingen hat er sich auch für die Naturwissenschaften interessiert und 1803, angeregt durch seinen Lehrer Blumenbach, begonnen, eine Sammlung der Fauna im Umkreis von 3 Meilen um Göttingen anzulegen. Dies konnte er aber nur bis 1806 fortsetzen; dann hielten ihn Beruf und Dienstgeschäfte davon ab. Die damals gesammelten Notizen veröffentlichte er 1822 als reines Namensverzeichnis ohne Anmerkungen und durchaus im Bewußtsein der eventuellen Mängel: „In der Synonymik, besonders der Entomologie, wird Manches zu bessern seyn.“ Für die Bestimmung der Lepidopteren gab er als seine Grundlagen an: „Nach Fabricius Supplem. entomol. Hafn. 1798 und Esper’s Schmetterlinge.“ Diese Werke muß man also konsultieren, um seine Bestimmungen – und eventuelle Fehlbestimmungen – nachvollziehen zu können. Spangenberg war ein sehr produktiver Mensch – allein im Jahr 1822 veröffentlichte er vier juristische Fachbücher und fungierte darüberhinaus als Herausgeber des am Schluß 22 Bände umfassenden Werks „Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniß des Königreichs Hannover wie es war und ist.“ In dieser Buchreihe publizierte er eine Liste der Schmetterlinge von Göttingen und Umgebung:


Hier finden sich einige harmlose Fehler wie Papilio ascanius, womit Coenonympha arcania gemeint ist, oder Sphinx ceierio, der unschwer als Hippotion celerio zu erkennen ist. Bombyx fuscelina ist sicherlich Gynaephora fascelina und Bombyx neutria kann nur Malacosoma neustria sein. Im Grunde sind die meisten dieser Fehler keine Druck- sondern vielmehr Lesefehler: Es gab noch keine Schreibmaschinen; Manuskripte waren tatsächlich noch das, was das Wort aussagt: lat. manu scriptum = mit der Hand Geschriebenes. Je nach (Un-)Leserlichkeit der Handschrift konnte der Setzer – der in der Regel die wissenschaftlichen Namen nicht kannte – jede Menge merkwürdige Wörter schaffen.

Als Kuriosität enthält die Liste „Papilio hyparete“. Keine Ahnung welche einheimische Art Spangenberg hier mit der indoaustralischen Delias hyparete verwechselt hat, aber etwas anderes als eine Verwechslung kann es nicht gewesen sein. Der südeuropäische Kiefernprozessionsspinner „Bombyx pityocampa“ (= Thaumetopoea pityocampa) ist zweifellos die einheimische Thaumetopoea pinivora, die ja erst 1834 von Treitschke beschrieben und von Th. pityocampa abgetrennt wurde und die Spangenberg im Jahr 1822 also noch nicht als eigene Art bekannt sein konnte. Bei frühen Werken muß dieser historische Kontext immer beachtet werden. Ein Faunist, der Spangenbergs Angaben bearbeiten und Th. pityocampa aus der Faunenliste von Niedersachsen streichen würde, hätte nur die halbe Arbeit getan wenn er gleichzeitig Th. pinivora unterschlagen würde.

Nachdem ich beim Durchsehen der Liste auf Delias hyparete gestoßen war, dachte ich bei „Papilio Linkia“ zunächst auch an eine tropische Art und begann die Schmetterlings-Datenbank des Britischen Museums durchzusuchen. Erst nach einer halben Stunde vergeblichen Nachdenkens kam ich auf die Lösung: Es ist ein doppelter Lesefehler. Die Art steht zwischen zwei Nymphaliden und ist darum wohl in dieser Familie zu suchen. Ein handschriftliches geschludertes großes C läßt sich wohl als L fehlinterpretieren und aus einem kleinen x kann, wenn es unsauber geschrieben ist, leicht ein k werden. Gemeint war sicher Papilio Cinxia = Melitaea cinxia.

Literatur
Bach, M. & Wagner, C. (1844): Systematisches Verzeichniss der Tagfalter, Schwärmer und Spinner, welche in der Umgebung von Boppard und Bingen vorkommen. – Verhandlungen des naturhistorischen Vereines der preussischen Rheinlande, 1: 57-61.
Spangenberg, E. P. J. (1822): Versuch einer Fauna Goettingensis als Materialien zu einer Fauna Hannoverana. – Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniß des Königreichs Hannover wie es war und ist, 1: 276-302.

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