Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles ausser Bestimmungsanfragen

Re: Realsatire: Hessischer NABU und der letzte hess. Lycaena alciphron ...

Hallo Hermann und restliches Forum,

zu dieser Thematik möchte ich auch noch gerne ein paar Zeilen schreiben. Ich bin sowohl ehrenamtlich in der örtlichen NABU-Ortsgruppe aktiv als auch beruflich im Bereich des amtlichen Naturschutzes und als freiberuflicher Gutachter tätig, kenne also im Prinzip alle drei Seiten :)

M. E. hängen die Aktivitäten bzw. der Sinn solcher Aktivitäten einer (NABU-)Ortsgruppe sehr von den dort aktiven Mitgliedern und ihrem Wissensstand ab. Dieser ist sehr unterschiedlich und reicht von Engagement ohne fachlichen Hintergrund bis hin zu Personen, die sich über Jahre intensiv mit der Materie auseinander gesetzt haben. Typisch ist sicherlich die geringe Anzahl Aktiver bei einer großen Anzahl stiller, aber zahlender Mitglieder, die damit ihr Gewissen beruhigen (es sei ihnen durchaus gegönnt). Immer schwingt eine Form des "grünen Idealismus" mit, der seiner Wurzeln vielleicht noch bei den "Alt-68ern" sucht und so zu bestimmten, romantisierten Idealvorstellungen führt. Die wichtigste davon ist wohl die der Natur ohne den Menschen, der "Wildnis", die auch in den NABU-Infoheften in schöner Regelmäßigkeit an die Leser/Mitglieder übermittelt wird. Erst kürzlich war beispielsweise ein mehrseitiger Bericht zu lesen, in dem es um die Übernahme eines ehemaligen (Kohle-?)Abbaugeländes durch den NABU ging, um es "der Natur zurück zu geben" und all die Arten zu schützen, die anscheinend trotz des Abbaus noch da waren. Hierbei wurde völlig verkannt, dass die Arten (darunter diverse Lerchenarten) nur wegen des zuvor stattgefundenen Abbaus hier Lebensraum fanden und dass die Ziele des NABUs (kleinflächige Offenhaltung, Zunahme der Sukzession) exakt dazu führen werden, dass diese Arten verschwinden werden. Hierauf erfolgte auch ein Leserbrief einer m. W. auch hier im Forum aktiven Person, der allerdings mit der Begründung, man schaffe ein Mosaik, das allen Arten diene, abgetan wurde. Dass dieses "Mosaik" mit Gehölzen und Gebüschen für die extrem anspruchsvollen Arten bereits das Aus bedeutet, wurde nicht erkannt.

Ebenfalls sehr mit dieser Denkweise verbunden ist der Prozessschutz-Gedanke, der bei uns v.a. in den Großschutzgebieten (Wurzacher Ried, Pfrunger-Burgweiler Ried, Federsee) zum Tragen kommt und teilweise direkt mit dem NABU zusammenhängt. Dieser Prozessschutz führte - kombiniert mit Vernässungsmaßnahmen - beispielsweise in den Randbereichen des Wurzacher Rieds zur weitgehenden Einstellung der Streumahd im Niedermoor und zu großflächiger Faulbaum- und Birkensukzession auf ehemals offenen Torfstichen. Die Konsequenz war das Aussterben des Waldwiesen-Vögelchens (Coenonympha hero) sowie die starke Abnahme aller weiterer moortypischer Arten (z.B. Colias palaeno, Boloria aquilonaris, Lycaena hippothoe...). Der gleiche Prozess spielte sich im Pfrunger-Burgweiler Ried mit ähnlichem Ergebnis ab (Erlöschen fast aller naturschutzrelevanter Insektenarten). Mittlerweile ist aber ein Umdenken erkennbar und Pflegemaßnahmen werden, wo noch möglich, wieder aufgenommen. Die Natur Natur sein lassen in einer Kulturlandschaft führt eben zum Erlöschen der von der Kulturlandschaft abhängigen Arten und das sind 95 % der Arten.

Ein letztes Beispiel betrifft die "heilige Kuh" des Naturschutzes, die Hochmoore. Diese Reste "intakter Natur" durften im Laufe der vergangenen 100 Jahre nicht angerührt, also auch nicht gepflegt werden, sie würden sich ja von alleine erhalten oder sich zumindest "natürlich" entwickeln. Dass diese natürliche Entwicklung bei gestörten Hochmooren (und das sind 99 % unserer Hochmoore) immer in Richtung Moorwald verläuft, wird ausgeblendet, ist aber sonnenklar, wenn man sich historische Luftbilder des letzten Jahrhunderts ansieht. Die Sukzessionsprozesse, die dort stattfinden, sind vergleichbar mit denjenigen im Offenland. Ich würde es gerne mal hochrechnen, ich vermute, dass wir auf diese Weise bereits 80 % unserer offenen Hochmoore verloren haben. Die Gründe sind neben der Entwässerung erhöhte (Nährstoff-)Einträge und fehlende Nutzung (Beweidung, kleinbäuerliches Torfstechen, Holznutzung). M. E. ist eine umfangreiche Gehölzentnahme in diesen gestörten (Heide-)Hochmooren zwingend notwendig (bevor man überhaupt über Vernässung nachdenkt), möchte man die hochmoortypischen Arten, darunter C. palaeno und V. optilete, langfristig erhalten. Der starke Rückgang von C. palaeno in BaWü und im westlichen Bayern ist vor dem Hintergrund dieser Sukzessionsprozesse vielleicht gar nicht so sehr auf den Klimawandel oder die fehlende Nässe zurückzuführen.

Soviel von mir zum Nachdenken und gerne auch Diskutieren :)

Viele Grüße Thomas

Beiträge zu diesem Thema

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