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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landrat

Sehr geehrter Herr Landrat Pavel, sehr geehrte Frau Umweltdezernentin Seefried,

(zugleich zur Kenntnisnahme an das Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg)

Sie wollen also unbedingt Ihren ganz persönlichen Beitrag zum viel diskutierten Insektensterben leisten und dafür auch noch Steuergelder verschwenden? Meine Zustimmung dafür haben Sie nicht!

Ich hatte gehofft, dass die Diskussionen hinter den Kulissen heutzutage auch einen Landrat davon überzeugen können, auf Hubschrauber-Gifteinsätze gegen angebliche Monster zu verzichten und stattdessen unter „Insektenschutz“ das zu verstehen, was heutzutage dringend nötig ist, nämlich nicht primär der Schutz vor Insekten, sondern der Schutz von Insekten!

Worum geht es? Gestern war auf swr.aktuell https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ulm/Hubschraubereinsatz-ueber-Waeldern-Spruehaktion-gegen-Eichenprozessionsspinner-im-Ostalbkreis,kampf-gegen-eichenprozessionsspinner-104.html unter der Überschrift „Hubschraubereinsatz über Wäldern - Sprühaktion gegen Eichenprozessionsspinner im Ostalbkreis“ zu erfahren: „Der Ostalbkreis plant einen eintägigen Hubschraubereinsatz gegen den Eichenprozessionsspinner. Fast alle Eichen im Kreis seien gefährdet, teilte das Landratsamt am Mittwoch mit.“

Schön und gut, aber gefährdet ist hier vor allem Eines: Die Artenvielfalt. Und das nicht durch EPS, sondern durch Sie!

Was soll passieren?: „Insgesamt 260 Hektar Landes-, Kommunal- und Privatwald im Raum Aalen, Bopfingen und Unterschneidheim werden an einem Tag ab Mitte Mai vom Hubschrauber aus mit einem biologischen und für Menschen ungefährlichen Pflanzenschutzmittel besprüht.“

Bacillus thuringiensis ist das in der Land- und Forstwirtschaft am meisten eingesetzte Bakterium. Grund dafür ist seine Vielseitigkeit, da es im Prinzip gegen alle Insekten eingesetzt werden kann, also gut 80 % der Tier-Arten auf unserem Erdball. Klar gibt es da verschiedene „Stämme“ und Linien des Bakteriums mit etwas unterschiedlichem Applikationsbereich, aber wenn immer wieder behauptet wird, dass das Bakterium – bzw. das von ihm produzierte Toxin – hochspezifisch auf eine ganz bestimmte Art wirken, ist das schlichtweg gelogen. Das, was hier gegen den Eichenprozessionsspinner eingesetzt wird, ist exakt das Gleiche wie das, das man immer wieder gegen den Schwammspinner (Lymantria dispar) einsetzt, also einen Vertreter einer ganz anderen Schmetterlingsfamilie. Eichen sind bekanntlich die Bäume, die in Mitteleuropa die größte Zahl an Schmetterlingsarten als Raupe beherbergen, darunter viele, viele Arten der Roten Listen. Das Bt-Gift wirkt auf alle diese Arten, wenn sie derzeit aktiv als Raupe fressen – das ist im Mai aber beim größten Teil der Arten der Fall. Alle diese sterben langsam an der „Schlaffsucht“. Selbst wenn das Mittel also keine Auswirkung auf Insekten anderer Ordnungen hätte (was definitiv nicht stimmt) und für Wirbeltiere generell nicht toxisch wäre (was auch nicht überzeugend abgesichert ist), wäre das schon Grund genug, die Anwendung eines solchen Mittels zu verbieten. Aber der Wegfall der Raupen hat selbstverständlich indirekte Auswirkungen auf das Ökosystem einer Landschaft: Womit – bitteschön – sollen die insektenfressenden Vögel jetzt ihre Jungen ernähren (kommt endlich der stumme Frühling?)? Und was bleibt für die Fledermäuse übrig, die ja ganz besonders vom Insektenreichtum der Eichen leben? Sie können es drehen und wenden wie sie wollen: Mit Ihrer flächigen Sprühaktion unterstützen Sie einen eklatanten Verstoß gegen die FFH-Richtlinie der EU.

Nochmals: Während das Absaugen sich tatsächlich mehr oder weniger auf Raupen der genannten Art bezieht, gilt das für den Biozid-Einsatz absolut nicht. Es wirkt prinzipiell auf alle fressenden Insekten, und das sind gerade in dieser Zeit die allermeisten. Wer behauptet, dass das keine Auswirkungen auf Wirbeltiere hat, der lügt: Für europarechtlich streng geschützte Arten wie die Bechsteinfledermaus gehören (meist kleinere) nachtaktive Schmetterlinge zu den wichtigsten Nahrungsgrundlagen. Bechsteinfledermäuse wohnen bevorzugt in alten Eichen und jagen zur Wochenstubenzeit (also von Mai bis Juli!) in engem Umkreis (wenige hundert Meter) um ihre Quartiere; Verminderung des Nachtfalter-Angebots – auch Raupen werden von diesen Tieren in größerem Stil abgesammelt! – führt also direkt zu Versorgungsengpässen und damit zu Verlusten an Jungtieren bei dieser und anderen europarechtlich streng geschützten Fledermäusen. Ähnliches gilt natürlich für etliche Vogelarten, die ihre Erstbrut vor allem mit Raupen aufziehen. Hat Ihnen das „Rentokill“ nicht verraten?

Der für die gesamte Problematik der Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners immer noch umfassendste Leitfaden stammt aus den Niederlanden. Er wurde ins Deutsche übersetzt und steht seit Jahren auf der Seite des Umweltbundesamtes zur Verfügung: https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/417/dokumente/leitfaden_eps_nl_deutsch.pdf. In diesem Leitfaden wird eine sorgfältige Abwägung aller Bekämpfungsschritte verlangt. Was den flächigen Bt-Einsatz betrifft wird klargestellt: „Die Anwendung biologischer Bekämpfungsmittel an Orten, wo geschützte Schmetterlingsarten vorkommen, ist nach dem niederländischen Flora- und Faunagesetz strafbar.“ bzw.: „Bevor eine Spritzbehandlung ausgeführt wird, muss man einen guten Überblick haben, 1) wo der Eichenprozessionsspinner tatsächlich anwesend ist, 2) ob es sich hier um stark frequentierte Gebiete handelt und 3) keine geschützten Schmetterlingsarten nachzuweisen sind. Falls letzteres der Fall ist, ist eine Bekämpfung mittels Spritzung mit einem biologischen Mittel auf Basis von Bacillus thuringiensis oder mittels Anwendung insektenparasitärer Nematoden nach dem niederländischen Flora- und Faunagesetz nicht erlaubt.“ In Deutschland und seinen Bundesländern fehlt bislang noch eine entsprechend klare Formulierung im Rahmen eines Gesetzes bzw. einer Verordnung.

Versuchen wir mal zu rechnen: Auf den 260 ha wachsen ca. 770 Bäume pro Hektar, also rund 200.000 Bäume. Bei im Schnitt 5.000 Raupen und anderen fressenden Insekten pro Baum (was im Mai sehr konservativ gerechnet ist), sind das dann 1.000.000.000 (= 1 Milliarde) fraßaktiver Insekten, die ihrer Sprühaktion ganz direkt ausgesetzt sind. Selbst wenn nur 30 % davon vernichtet werden, sind das 300.000.000 Tiere. Wie viele Vögel und Fledermäuse davon hätten ernährt werden können, dürfen Sie selbst abschätzen. Es sind gewaltig viele! Würden alle Raupen den Blaumeisen zur Verfügung stehen, könnten diese rund 40.000 Blaumeisen-Junge aufziehen.

Übrigens, ich finde den „Rentokill“-Satz in der Werbung klasse: „Das mechanische Entfernen der Eichenprozessionsspinner mit unserem speziellen Saugverfahren ist ebenfalls eine umweltfreundliche Methode bei Befällen welche nicht frühzeitig festgestellt wurden oder für Kunden, die sich grundsätzlich für dieses Verfahren entscheiden.“

Man kann sich also grundsätzlich für das Saugverfahren entscheiden, denn das Saugverfahren reicht – auch nach „Rentokill“ – durchaus aus!!!

„Rentokill“ sagt nur, es könnte ohne vorbeugende Spritzungen eventuell mehr Kosten. Aber sicher ist das nicht – und überprüfen kann man es im Nachhinein ja auch nicht mehr. Mehr kosten könnte es nur dann, wenn der Fraßdruck durch Vögel, Spinnen und Insekten und der Parasitierungsdruck durch parasitische Wespen und Raupenfliegen in einem Jahr gering ausfallen und zudem das Wetter für die Art besonders günstig ist. In allen anderen Fällen ist das Verfahren für die Kommunen eher eine Ersparnis. Nur „Rentokill“ verdient dann halt etwas weniger.

Wichtig: „Rentokill“ sagt selbst, dass die vorbeugenden Spritzungen keineswegs alle Eichenprozessionsspinner-Raupen treffen! Sonst wäre in diesen Flächen ja kein Absaugverfahren mehr nötig! EPS dürfte sogar zu den Arten gehören, die eher unterdurchschnittlich stark von Spritzungen mit dem Hubschrauber betroffen sein dürften. Andere, seltene Arten dürfte man mit dieser Methode viel leichter den Garaus machen können. Aber will man das wirklich? Die Zeiten sollten eigentlich vorbei sein. Insektensterbenleugner gibt es heute doch nur noch in der Agrochemie-Lobby.

Meine Empfehlung vor Wochen: Abwarten und bei Bedarf an neuralgischen Punkten – aber nur dort! – mit der Absaugmethode arbeiten. In erfreulich vielen Kommunen und Landkreisen hat man das mittlerweile verstanden, so auch in ihren Nachbarregionen. Die Insekten-, Vogel- und Fledermaus-Welt werden es ihnen danken!

Aber was ist mit den allergischen Reaktionen auf den Eichenprozessionsspinner? Ja, es gibt allergische Reaktionen, aber die sind selten. Medizinisch gesehen ist nicht jeder Juckreiz eine Allergie (so wie auch nicht jede leichte Erkältung eine Grippe ist). Aber es gibt sie relativ häufig: Juckreiz bei Kontakt mit Raupenhaaren – und eben wesentlich seltener auch Pseudoallergien und Allergien. Deshalb kann man sich durchaus überlegen, in Kindergärten oder auf Schulhöfen Raupen gezielt abzusammeln. Was die medizinische Komponente anbelangt, sollte man nicht „Rentokill“ befragen, sondern besser einen seriösen Artikel im Ärzteblatt lesen (auch wenn dort einige biologische Details zu den Faltern nicht ganz stimmen): https://www.aerzteblatt.de/archiv/188450. Auch dort wird ausdrücklich darauf hingewiesen: „Ein breiter Einsatz chemischer Mittel ist aber aus Umweltsicht bedenklich, da die Mittel oft über eine Breitbandwirkung verfügen und daher auch Nützlinge abtöten“. Und übrigens: „Es wird empfohlen, die Verbreitungskarten mit den Informationen über die ergriffenen Maßnahmen auf den lokalen Webseiten zu veröffentlichen und sie damit auch den Anwohnern zugänglich zu machen.“

Im Falle des Ostalbkreises ist für mich als Insektenkundler klar: Versprühen von Bt per Hubschrauber geht gar nicht. Falls nötig, können entlang von viel genutzten Waldwegen ganz gezielt EPS-Raupen abgesaugt werden. Dazu gibt es bewährte Methoden, die gerade von der von Ihnen beauftragten Firma auch angeboten werden. Aber übertreiben muss man es auch da nicht: Eichen-Prozessionsspinner und / oder Pinien-Prozessionsspinner sind in unseren Mittelmeergebieten, wo wir uns im Urlaub wohl fühlen, sicher sehr viel gegenwärtiger als im Ostalbkreis – und trotzdem kommt dort keiner auf die Idee, die Tiere bekämpfen zu müssen. Ein bisschen mehr mediterrane Gelassenheit täte dem Ostalbkreis also wohl auch gut.

Ich habe dieses Schreiben an Sie gleich ins Lepiforum gesetzt, also die größte Bestimmungsplattform für mitteleuropäische Schmetterlinge. Vielleicht antworten Sie direkt dort, denn Ihre Antwort wird sicher auch andere Leser interessieren.

Erwin Rennwald

Beiträge zu diesem Thema

EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landrat
Re: super super super super super *kein Text*
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
gut, aber zu lang
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: Veto!
Jedem das seine
Re: Veto!
Re: In der Kürze entstehen Missverständnisse
Ganz klar - die beiden Dinge stehen nicht gegeneinander. BG, BOB *kein Text*
Re: gut, aber zu lang - dem stimme ich zu, und ...
Re: gut, aber zu lang?
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
Re: Danke Sascha für den Hinweis. VG Wolfgang *kein Text*
Richtig, es eilt hier. Kein Bauchmiezeln - dafür Inhalte! VG, BOB *kein Text*
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Re: Aalen, 8.45 Uhr Rotorengeräusche sind....
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Re: EPS-Bekämpfung - Verschwendung von Steuergeldern