Polyommatus coridon
Lepiforum — Bestimmung
von Schmetterlingen
(Lepidoptera)
und ihren
Praeimaginalstadien
[Home] [Impressum] [Datenschutzerklärung]
Foren: [1: Bestimmungsfragen (Europa)] [2: Alles außer Bestimmungsfragen] [3: Außereuropäische Arten - Non-European Species] [Test]
Archive Forum 2: [#2 (bis 2017)] [#1 (bis 2013)] Archive Forum 1: [#7 (bis April 2019)] [#6 (2016-2018)] [#5 (2012-2016)] [#4 (2010-2012)] [#3 (2007-2010)] [#2 (2006-2007)] [#1 (2002-2006)]
Bild- und Informationssammlungen: [Bestimmungshilfe] [Schütze (1931): Biologie der Kleinschmetterlinge (Online-Neuausgabe)] [Glossar] [FAQ]
Verein: [Lepiforum e.V.] [Chat (nur für Mitglieder)]

[Hinweise zur Forenbenutzung]     [Forum User Instructions]     [Indications pour l’utilisation des forums]     [Indicaciones para el uso de los foros]     [Avvisi per l’utilizzo dei fori]     [Советы по использованию форума]     [Pokyny k použití fóra]     [Általános tudnivalók a fórum használatához]     [Wskazówki korzystania z forum]

Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - ein paar Ergänzungen

Ich greife hier einige Anmerkungen auf und antworte zusammenfassend.

Ich habe das Schreiben mit „Erwin Rennwald“ unterzeichnet, an dieser Stelle also bewusst auf „1. Vorsitzender Lepiforum e.V.“ verzichtet (sonst hätte ich vorher auch eine Vorstandssitzung einberufen) und auch auf mein „Dipl.-Biol.“ – wen es interessiert, kann das ja leicht recherchieren.

Nein, ich gehe nicht zu Zeitungen, Radio, Fernsehen, etc. Das können andere viel besser als ich – dazu dürfen sie gerne meine Zusammenstellung benutzen.

Doch, ich gehe davon aus, dass der Landrat das lesen wird, sogar mehrfach (wenn auch nicht unbedingt zustimmend).

Nein, mir ging es an dieser Stelle nicht darum, den Landrat mit Argumenten zu überzeugen. Für so etwas wähle ich grundsätzlich erst einmal nicht den Weg an die Öffentlichkeit.

Die sachliche Aufklärung dieses Landrats und seiner Mitarbeiter ist schon vor Wochen hinter den Kulissen durch lokale/ regionale Naturschutzgruppen passiert, die (u.a. von mir) umfassende fachliche Unterstützung erhielten.

In dem von mir als Ausgangsbasis zitierten SWR-Artikel wird „das Landratsamt“ zitiert mit „Naturschutzverbände hätten die Aktion anfangs kritisiert, seien mit dem sehr präzise geplanten Einsatz aber letztlich einverstanden, hieß es dazu weiter.“ Das ist eine ziemlich zynische Umschreibung der Tatsache, dass die Beteiligten vom BUND und LNV-AK Aalen nach stundenlangen völlig vergeblichen Gesprächen den vorgesehenen Runden Tisch Naturschutz schließlich aus Protest abgesagt haben. So etwas ist mitnichten als Zustimmung zu werten! Dies wurde vom swr mittlerweile auch richtiggestellt: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ulm/Aalen-Natuerschuetzer-kritisieren-Spruehaktion,naturschuetzer-kritisieren-spruehaktion-100.html

Die Richtigstellung war auch nötig, denn genau dieser swr startet am Sonntag eine Aktionswoche „Rettet die Insekten!“: https://www.swr.de/insekten/-/id=22329406/omx1sd/index.html. Schade dass sie nicht im Wald bei Aalen stattfindet ...

Einige Schreiber hier haben Recht, dass mein E-Mail zu lang ist, um mit jemanden ins Gespräch zu kommen. Das war hier aber auch gar nicht mehr beabsichtigt. Ich hoffe da eher, dass dieseer Fall im Umweltministerium aufgegriffen wird. Schließlich haben wir ein Insektensterben und suchen Ursachen dafür: hier bekommt das Ministerium eine konkrete Ursache frei Haus und kostenlos geliefert. Und ich hoffe, dass so etwas Schule macht.

Ich habe auf die finanzielle Kosten-/Nutzen-Rechnung absichtlich verzichtet. Denn in einem Punkt hat Landrat ja Recht: Für wichtige Projekte muss das Geld da sein – da ist im Zweifelsfall woanders einzusparen. Das Dumme ist nur, dass es ziemlich unterschiedliche Ansichten geben kann, was wirklich wichtig ist ... Dass das Verhältnis von Kosten zu Nutzen im Falle von Aalen in einem krassen Missverhältnis steht, kann sich jeder selbst ausrechnen, zumal die Aktion jetzt spätestens jedes zweite Jahr, wahrscheinlich jährlich wiederholt werden muss und dabei nebenbei Resistenzen gegen Bt herausgezüchtet werden.

Armin Dahl hat die sehr sachlich gehaltene umfangreiche Studie von Thomas Sobczyk (2014) ergänzt – die kenne ich natürlich, habe ich doch mit Thomas Sobcyk (und Axel Hofmann) die letzte Rote Liste der Spinnerartigen Nachtfalter Deutschlands verfasst (Rennwald et al. 2012). Hier der Direktlink zu Sobczyk (2014) auf der entsprechende Seite des BfN: https://www.bfn.de/fileadmin/MDB/documents/service/Skript_365.pdf

Die Studie von Sobczyk (2014) greift im wesentlichen die Ergebnisse der niederländischen Kollegen auf, präzisiert sie an einigen Stellen. Ich habe die niederländische Arbeit gewählt, um auf die dort sehr viel klarere gesetzliche Lage hinzuweisen – eine Anpassung in D ist da überfällig.

Gerade durch ihre sehr nüchterne Sprache, kommt sie bei Personen, die für Argumente zugänglich sind, auch gut an. Ich will daher mit 6 Zitaten aus jener Arbeit enden:

* (S. 113): „In der Regel sind Arten mit blattfressenden Schmetterlingsraupen nicht Grund für die Ausweisung von Schutzgebieten. Sie profitieren allerdings mit ihrer hohen Artenzahl von diesen in erheblichem Maße. Durch die Massenvermehrung des Eichenprozessionsspinners kann es durch den Fraß zu Auswirkungen auf andere Arten kommen (siehe 8.4). Es stellt sich die Frage, ob durch den Fraß des Eichenprozessionsspinners schutzwürdige Arten oder Biotope gefährdet sein könnten. In der Literatur ließen sich dafür keine Belege finden. Nur in Fällen, bei denen es durch mehrmaligen Kahlfraß zum Ausfall ganzer Eichenbestände kommt, wären dauerhafte Beeinträchtigungen auf an Eichen vorkommende Arten denkbar. In einer Vergleichsuntersuchung hat HACKER (1997) nachgewiesen, dass der Einfluss auf die Populationen anderer Arten beim Einsatz von Insektiziden gegen den Schwammspinner größer ist als bei toleriertem Kahlfraß. In der gegenwärtigen Situation ist der Anteil von Schadflächen mit Kahlfraß äußerst gering. In Brandenburg lag er beispielsweise bei einer von 2008 bis 2013 kartierten Gesamtfläche von insgesamt 17.499 ha (Minimum 2008 mit 814 ha, Maximum 2012 mit 5.083 ha) mit Fraßschäden bei lediglich 365 ha (2,1 %). Kahlfraß in einem Jahr führt bei Befall durch den Eichenprozessionsspinner als alleinige Ursache durch die Regenerationsfähigkeit der Eichen nicht zum Absterben der Bäume oder der Bestände. Der Einfluss des Eichenprozessionsspinners scheint daher nicht in erheblichem Umfang gegeben. Ein Einsatz von Insektiziden gegen den Eichenprozessionsspinner ist aus gegenwärtiger Sicht nicht mit Naturschutzinteressen in Übereinstimmung zu bringen. Sollte punktuell ein solcher Einfluss angenommen werden, sollte mechanischen Maßnahmen der Vorzug gegeben werden.“

* (S. 113-114): „Die Ausbringung von Insektiziden gegenüber z. B. mechanischen Verfahren zur Bekämpfung des Eichenprozessionsspinners in den Wäldern wird zunehmend mit dem Gesundheitsschutz und einem nicht vertretbaren Aufwand beim Einsatz anderer Methoden begründet. Andere Maßnahmen, zum Beispiel Waldsperrungen oder das Hinweisen auf die Gefahr sollten in den meisten Fällen ein probates Mittel der Gefahrenminderung mit sehr geringen Kosten sein. Ebenso sind mechanische Verfahren sehr selektiv und bei Reduktion auf tatsächlich für Betroffene gefährliche Bereiche durchaus zielführend einsetzbar.“

* (S. 111): „Insgesamt wird sich die gegenwärtige Populationsentwicklung des Eichenprozessionsspinners durch den Einsatz von Insektiziden nicht stoppen lassen. Die Bekämpfung führt in vielen Fällen nur zu einer kurzzeitigen Entspannung der Situation. Insektizidanwendungen müssen daher regelmäßig innerhalb weniger Jahre wiederholt werden. Für Dipel ES werden beispielsweise 1-3 Jahre (LEHMANN, mdl. Mitt.) oder 1-2 Jahre (LANDTAG SACHSEN-ANHALT 2012) angegeben, nach denen der Eichenprozessionsspinner wieder die ursprüngliche Populationsdichte erreicht hat. Dies führt gegebenenfalls zu einer Mehrfachbehandlung von Flächen. Im Falle von Dipel ES gibt es Beispiele für Doppelanwendungen in einem Jahr oder jährliche Anwendungen über mehrere Folgejahre. Resistenzbildungen sind bei solchem Vorgehen nicht ausgeschlossen und für B.t.k. bei der Bekämpfung anderer Schmetterlingsarten belegt (SOLIDADE RIBEIRO et al. 2012). Zu den Problemen mit der Umweltverträglichkeit können ökonomische Auswirkungen viel stärker als durch die Bekämpfung selbst zum Tragen kommen. So weisen CAYUELA et al. (2011) darauf hin, dass die Kosten der Bekämpfung als in der Regel erhebliche Investition vielfach nicht ausgeglichen werden. Diese Investitionen sind durch die kurze Wirksamkeit der Maßnahmen in geringen Abständen (zum Teil jährlich) zu wiederholen. Eine wirtschaftliche Beurteilung der Bekämpfungsmaßnahmen auf den konkreten Fall bezogen fehlt in vielen Fällen.“

* (S. 117): „In Deutschland sind Eichen für Insekten eine wichtige Lebensgrundlage. Keine der heimischen Pflanzenarten erreicht eine annähernd hohe Zahl von Arten, die direkt oder indirekt daran gebunden sind. Daher ist in der Abwägung der Betroffenheit und von Auswirkungen auf Nichtzielorganismen ein hoher Maßstab anzuwenden. Im Rahmen der Untersuchungen wurde festgestellt, dass in Deutschland 366 Arten von Schmetterlingsraupen Eichen direkt oder indirekt als Lebensraum und Nahrungsgrundlage nutzen. Dreiviertel dieser Arten haben ihre Entwicklungszeit im Frühjahr und etwa zwei Drittel werden durch Bekämpfungsaktionen gegen den Eichenprozessionsspinner betroffen. Dies wurde in der bisherigen Diskussion und Abwägung nicht ausreichend berücksichtigt.“

* (S. 117): „Zur Abwehr von Gesundheitsgefahren ist in vielen Fällen außerhalb des Siedlungsbereiches und stark frequentierten Bereichen die Meidung von Befallsarealen ausreichend. Dies sollte in Waldgebieten und der offenen Landschaft überwiegend möglich sein.“

* (S. 118): „Der Einsatz von Dipel ES [ER: Das ist der Markenname der hier meist verwendeten Bacillus thuringiensis-Präparate] aus Gründen des Gesundheitsschutzes ist grundsätzlich in Frage zu stellen. Das kleine Zeitfenster für eine optimale Bekämpfung der L1- und L2-Stadien von wenigen Wochen und unkalkulierbare Witterungsbedingungen lassen eine korrekte insbesondere großflächige Ausbringung fraglich erscheinen. Der Wirkungsgrad ist für das Ziel des Gesundheitsschutzes als nicht ausreichend anzusehen.“

Viele Grüße

Erwin Rennwald

Beiträge zu diesem Thema

EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landrat
Re: super super super super super *kein Text*
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
gut, aber zu lang
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: alle Verantwortlichen lesen ohnehin nur das, was sie lesen wollen
Re: Veto!
Jedem das seine
Re: Veto!
Re: In der Kürze entstehen Missverständnisse
Ganz klar - die beiden Dinge stehen nicht gegeneinander. BG, BOB *kein Text*
Re: gut, aber zu lang - dem stimme ich zu, und ...
Re: gut, aber zu lang?
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
Re: Danke Sascha für den Hinweis. VG Wolfgang *kein Text*
Richtig, es eilt hier. Kein Bauchmiezeln - dafür Inhalte! VG, BOB *kein Text*
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
eine kleine Anmerkung
Re: eine kleine Anmerkung
Re: eine kleine Anmerkung
NDR sucht Interwiev-Partner wg. EPZ in Gifhorn am Dienstag
EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - ein paar Ergänzungen
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - ein paar Ergänzungen
EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - noch ein paar Fakten
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - noch ein paar Fakten
Ratzeburg hat zunächst überlebt!
KREIS GIFHORN: Die nächste Runde Insektensterben per Helikopter
Re: KREIS GIFHORN: Die nächste Runde Insektensterben per Helikopter
ordentlicher Wind mit kräftigen Böen? Na und!
Re: ordentlicher Wind mit kräftigen Böen? Na und, hauptsaches es tötet!!
die Antwort auf meine Anfrage beim Landratsamt
Re: ordentlicher Wind mit kräftigen Böen? Na und!
Re: Aalen, 8.45 Uhr Rotorengeräusche sind....
Re: EPS-Bekämpfung per Hubschrauber im Ostalbkreis - offener Brief an den Landra
Re: EPS-Bekämpfung - Verschwendung von Steuergeldern
EPS-Bekämpfung per Hubschrauber - Verlinkung zur Schnakenbekämpfung
"Experten in Stuttgart" bekämpfen ... na was denn nun?