Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

Ungesunde Habitatentflechtung *Foto*

Hallo an alle,

dass die Höhere Naturschutzbehörde des Herkunftlands unserer Weinkönigin/Landwirtschaftsministerin auf ein Schreiben nicht antwortet, liegt vielleicht daran, dass diese personell hoffnungslos unterbesetzt ist (kein Geheimnis, das).

Immerhin - diese PDF beweist es: https://www.ufz.de/export/data/10/134322_FR_8_Pfeifer.pdf - beschäftigen die sich dennoch mit den Auswirkungen des Verkehrs (Straße und Schiene) auf den Moselapollo. Von Klaus Hanisch werden in diesem Thread aber viel hefigere Todesraten genannt, als die Befunde der Studie der PDF.

Ich möchte noch auf einige nicht berücksichtigte Punkte hinweisen, die evtl. bedeutsam für eine Analyse des Geschehens dort an der Mosel sind:

1. Sowohl naturräumlich als auch klimageografisch habe ich ziemliche Übersetzungsprobleme, die Mosel-Apollofalter und deren ökol. Setting (Vorkommen bei 200-250 m Höhenlage) mit Populationen der süddeutschen Albgebirge (meist erst ab 500 m Höhe) zu vergleichen. In den Mosel-Habitaten kommt P. apollo in einem submediterranen Setting vor (Weinbau, disjunkt isolierte Populationen von Begleitarten, die im Extremfall erst wieder in Südfrankreich ihre nächsten Vorkommen aufweisen). Analog dazu treten in Süddeutschland anstelle der (sub)mediterranen Begleitarten bestenfalls Xeromontan-Elemente in Erscheinung, was aber etwas ganz anderes ist. Ich wäre vorsichtig damit, Schlußfolgerungen einzig auf den Gegebenheiten und Erfahrungen aus anderen Naturräumen zu gründen, weil :

2. das Regionalklima / Mesoklima an der Mosel durchaus anders sein dürfte, als in den vergleichsweise kleinflächigeren Felshaldenbiotopen des außeralpinen Süddeutschlands. Die enorme Ausdehnung der steilen bis steilsten Fels- und Trockenwald-/Steppenheidekomplexe an der Mosel wird in der PDF sehr gut fotografisch gezeigt.
Trockenstress der Vegetation ist an der Mosel zwar durchaus normal, dennoch können hier im Umfeld der Rebhänge überdurchschnittliche Hitzewerte entstehen, mit stärksten Auswirkungen auf den Faktor "Imaginal-Nahrungsquellen".

3. für nordamerikanische Melitaeini (Dennis D. Murphy), Lycaena virgaureae & Maniola jurtina (Christine Schneider) und schwedische Zygaena spp. (Erik Öckinger) ist stellvertretend belegt, dass die Verteilung der Imaginal-Nahrungsquellen nicht nur auf die Verteilung/Drängung (Clusterung) der Imagines, sondern auch der Eiablagen resp. Reproduktionshabitate starke Auswirkungen hat (wo befinden sich letztere beim Moselapollo aktuell tatsächlich? Vielleicht etwa in "minderwertigen" Sedum-Beständen im Umfeld der Nektarquellen??). Ich habe ähnliches schon sehr augenfällig bei E. aurinia auf einem NE-hessischen Kalkmagerrasen beobachten können.
So sehr berechtigt es oft ist: man kann leider nicht alles Geschehen auf das (Nicht)Vorhandensein optimaler Larvalhabitate zurückführen. Dichte und Verteilung der Imaginal-Nahrungsquellen können die Populationsstruktur verschiedenster, insbesondere spezialisierter Arten formen (oder zumindest stark beeinflussen). Aber auch die Falterdichten im Habitat selbst sind bei einigen Tagfalterarten von Bedeutung, da sie bei den Imagines die Entscheidung über den Verbleib oder das Verlassen des Habitats beeinflussen können ("gutes Habitat" = viele Falter).

4. Ich glaube es war Sepp Weidemann, der als erster auf den außergewöhnlich hohen Energiebedarf von P. apollo (spez. seiner Weibchen) hingewiesen hat (Klaus Hanisch deutet schwindende Fekundität aufgrund Nahrungsmangels an, ohne dies näher zu beschreiben). Gute Larval-/Reproduktionshabitate befreien die Imagines leider nicht von ihrem Blütenhunger, den sie an der Mosel offenbar nicht im gleichen Habitat stillen können.
Weidemann hat übrigens auch schon früh die Besiedlung felsiger, anthropogener Straßenböschungen durch den Apollofalter beschrieben.

5. (s.o.: Punkt 2): Ein unmittelbarer Schadensvergleich verschiedener, P. apollo-Habitate tangierender/querender Bundes- oder Landstraßen (oder sogar, wie bei Kinding, einer Autobahn) ist "aus dem Bauch" heraus gar nicht möglich. Dazu müsste zuerst durch Freilandbeobachtungen ein Haufen Parameter (spez. auch Raumnutzung im Bezug zur lokalen Topographie!) analysiert werden und erst danach könnte man bauliche / ordnungsrechtliche Maßnahmen gegen den automobilen Apollomord ergreifen.

Es gibt aber momentan genug Geld bei BMU & BfN für Biodiversitätsprogramme oder Hilfsprogramme für hochgradig gefährdete Rote Liste-Arten. Irgend jemand - Privatperson oder Körperschaft - müsste sich allerdings hinsetzen und denen einen Projektentwurf "Falter und Verkehrswege" zusenden.
Das Herunterrotten einer derart bekannten und hübschen FFH-Art käme das Bundesland RLP teuer, vielleicht sollte man denen das mal deutlich sagen!

Ich hoffe es ist mit viel Worten rübergekommen, was ich "eigentlich" nur kurz umreißen wollte. Bin auf eure Antworten gespannt.

Eine Frage hätte ich noch an die Württemberger und die Ollis:
Noch im Ebert & Rennwald (Band 1) war dieser berühmte Bahndamm angeblich der letzte BW-Fundort der Art. Ich sah P. apollo neulich rein zufällig einige km NO von dort (siehe Fotos unten), in der BW-Insectis-Datenbank gibt es auch noch weitere aktuelle Fundpunkte im Raum Blaubeuren/Ulm. Sind diese rezenten Fundstellen aktiv vom Falter (wieder)besiedelt worden oder hat es dort künstl. Wiederansiedlungen gegeben? Oder hatte man sehr versteckt lebende Populationen, bzw. Populationen "unter der Nachweisbarkeitsschwelle" übersehen? Würde mich interessieren zu wissen.


Deutschland, Baden-Württemberg, Blaustein Umgebung, Kalkschutthang, 550 m, 12. Juni 2019, Tagfund (Freilandfoto: Hermann Falkenhahn)

viele Grüsse:
Hermann

Beiträge zu diesem Thema

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Aber die Population bei Kinding...
Re: Stimmt das Datum 12.5.2012 ?
Datum 12.5.2012 stimmt
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und ich habe 3 "Abgeflogene" gefunden! *Foto*
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