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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

Re: Coptotriche heinemanni an Brombeere: Erwin, der Beweis ist erbracht!

Hallo Dieter,

danke für die Meldung! Ja, das ist sicher keine Kratzbeere (Rubus caesius), sondern ... Ja was denn?

Linné hätte gesagt Rubus fruticosus, eine Brombeere - und damit hätte er Recht gehabt. Aber das ist lange her ...

Ich will die Problematik ansatzweise erläutern:

Rubus Untergattung Rubus wird heute gängigerweise in 3 Sektionen aufgeteilt:

- sect. Rubus (Sammelart „Rubus fruticosus agg.“), die „echten“ Brombeeren
- Rubus sect. Corylifolii (Sammelart „Rubus corylifolius agg.“), die „Haselblatt-Brombeeren“
- Rubus sect. Caesii, mit der Kratzbeere (Rubus caesius) als einziger Art

Rubus caesius - die Kratzbeere ist anhand ihrer blau bereiften Früchte, den weniger stark verholzenden Zweigen und den relativ weichen Blättern und den relativ schwachen "Dornen" (die botanisch Stacheln sind) - durchweg ebenfalls bereift - noch einigermaßen leicht vom Rest abzutrennen. Deshalb unterscheidet man eben klassischerweise zwischen Kratzbeere und Brombeeren - zu denen alle weiteren rund 2000 europäischen "Arten" der Untergattung gehören. Der Begriff „Rubus fruticosus agg.“ wird daher in der Praxis meist nicht auf die "echten" Brombeeren der sect. Rubus beschränkt, sondern umfasst auch die Haselblatt-Brombeeren der sect. Corylifolii. - Botanisch ist das natürlich ungenau, aber daran sind die Brombeeren selbst schuld ...

Wir kommen bei den Brombeeren nicht an der Frage vorbei: Was ist eine Art?

Nun ja, klassischerweise ist es die potenzielle Fortpflanzungsgemeinschaft. Aber dieser Begriff macht nur Sinn, solange es überhaupt eine irgendwie geartete sexuelle Fortpflanzungsgemeinschaft gibt, bei der auch Meiose stattfindet. So kennen wir das von fast allen Wirbeltieren und auch den allermeisten Schmetterlingsarten. Da es innerhalb der potenziellen Fortpflanzungsgemeinschaften ja regelmäßig auch zu realem Genaustausch kommt, entsteht ein mehr oder weniger umfangreicher Genpool, der sich auch in gemeinsamen äußeren Merkmalen niederschlägt, so dass man den Individuen ansieht, zu welcher Art sie gehören.

Dort, wo die Vermehrung weitgehend auf Apomixis beruht, also ungeschlechtlich abläuft, passiert das, was wir sonst von Insel-Sippen kennen: Sie gehen ihren eigenen Weg und sind irgendwann so weit getrennt, dass sie äußerlich und genetisch von ihren Ausgangssippen als "Art" getrennt sind. Wenn noch gelegentliche Kreuzungen möglich sind, steigt die Formenzahl rasant: jedes durch Kreuzung entstandene Einzelexemplar stellt biologisch eigentlich gleich eine neue "Art" dar, denn es weist eine eigene Merkmalskombination auf und die potenzielle Fortpflanzungsgemeinschaft existiert in der Praxis auch nicht, weil es ja höchstselten überhaupt zur sexuellen Fortpflanzung kommt.

Brombeeren breiten sich vor allem durch (meist oberirdische) Ausläufer aus. Aus dem einen neuen Hybrid kann also rasch ein ganzes Fußballfeld voller gleich aussehender und genetisch identischer Einzelpflanzen entstehen. Um daraus nicht unbedingt sofort eine "Art" machen zu müssen, hat Heinrich E. Weber (der "Brombeer-Weber") vorgeschlagen, bei den Brombeeren erst dann von einer "Art" zu sprechen, wenn die weitesten entfernten Exemplare 50 und mehr Kilometer voneinander getrennt sind. Diesem Vorschlag wird in der Praxis gefolgt, obwohl man natürlich weiß, dass das nicht mehr als eine Krücke ist.

Wie kommt unser Einzelexemplar eines neuen Hybrids zu einem 50-km-Areal? Alleine mit Ausläufern braucht das Jahrhunderte - es sei denn, da reißt mal ein Stück ab, wird woanders hingeschwemmt oder sonstwie verschleppt, denn dann kann es ganz schnell gehen. Hinzu kommt, dass es bei den Brombeeren ja doch auch Frucht- und Samenbildung (meist ohne Meiose) gibt. Damit kann ein Export über große Strecken im Tiermagen sehr rasant erfolgen. Da die (von vorneherein) stabilisierten Hybriden in der Praxis nicht als solche erkannt werden können und sie sich wie "Arten" verhalten, werden sie auch als Arten bezeichnet und mit wissenschaftlichen Binomen belegt.

In der Praxis schnuppern auch Vollzeitbotaniker maximal in eine der drei superartenreichen Formenschwärme innerhalb der Gattungen Taraxacum (Löwenzahn), Alchemilla (Frauenmantel) und eben Rubus (Brombeere) hinein, die zusammen rund die Hälfte aller aus Europa beschriebenen Pflanzenarten ausmachen. Ob wir wollen oder nicht: Der Artbegriff macht in diesen Gruppen eigentlich keinen biologischen Sinn mehr!

Ach ja, und was hast Du jetzt fotografiert? Ich denke, das ist ein Exemplar, das in die sect. Corylifolii gehört. Die Wahrscheinlichkeit, dass Deine Pflanze zu einer Sippe gehört, die ein nur unter 50 km-Durchmesser-Areal besiedelt, ist durchaus hoch - und solche Individuen gehören dann per Definition zu gar keiner Art! Und jetzt? Wir könnten es also Rubus corylifolius agg. nennen oder eben Rubus fruticosus agg. sensu Linnaeus. Oder noch einfacher: Brombeere!

Die Typus-Festlegung von Rubus fruticosus durch Weber ist äußerst problematisch - ich denke, sie war alles andere als hilfreich: Linné hatte noch keinerlei Vorstellung von diesen apomiktischen Sippen. Zuvor war Rubus fruticosus agg. einfach der Sammelbegriff für alle Brombeeren - und das sollte er für die Praxis auch bleiben. Ich jedenfalls verwende ihn so in unserer BH.

Und was lernen wir jetzt daraus in Bezug auf die beiden an Rubus lebenden Coptotriche-Arten? Coptotriche heinemanni ist am Oberrhein ein Tier der luftfeuchten und nicht selten überschwemmten Auwälder - wo es sehr viel Kratzbeere, aber kaum Brombeeren gibt. C. marginea besiedelt hier die mesophilen bis eher trockenen und nährstoffärmeren Wälder mit viel Brombeere, aber fast fehlender Kratzbeere. Funde von C. heinemanni in stark feuchten Erlenbruchwäldern - wo es keine Kratzbeeren, dafür aber Haselblatt-Brombeeren gibt, bestätigen dieses Schema. Wahrscheinlich ist es also gar nicht o sehr die Rubus-"Art", die die beiden Falter-Arten trennt, sondern schlichtweg der Standort der Pflanzen.

Viele Grüße

Erwin Rennwald

Beiträge zu diesem Thema

Coptotriche heinemanni an Brombeere: Erwin, der Beweis ist erbracht! *Foto* Bestimmungshilfe
Rubus-Bestimmung
Re: Coptotriche heinemanni an Brombeere: Erwin, der Beweis ist erbracht!
Re: Coptotriche heinemanni an Brombeere
Sehr informativ, danke! super *kein Text*