Polyommatus coridon
Lepiforum — Bestimmung
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Forum 2: Alles außer Bestimmungsanfragen

Re: neue Gattungsgliederung bei den Hesperiidae ...

Lieber Erwin (und natürlich auch liebe andere Mitleser und Mitleserinnen)
Deine Antwort war so gut, dass ich gleich meinen Senf dazu geben will.
Die Systematik der Hesperiidae ist in großen Zügen sehr willkürlich und nur desshalb so lange nicht geändert worden, weil sich erstens keiner für die Viecher interessiert und zweitens keiner wusste, was richtig ist. Nick Grishin (in der Publikation als letzter genannt, weil er als Fördermittelempfänger und Auftraggeber der Untersuchungen in den USA hinten stehen muss, nicht so wie bei uns, wo die Professoren als Erstautoren stehen, obwohl andere die Arbeit gemacht haben) hat eine Methode entwickelt, Kern-DNA auch bei alten Museumsexemplaren zu vertretbaren Kosten auszuwerten und ist dabei, alle Hesperiidae-Typen (und andere) zu beproben. Dies muss schon mal sein, weil viele Arten gar nicht das sind, wofür wir sie halten. Der große Evans hat in London die deutschsprachigen Beschreibungen (ohne Abbildungen!) Individuen in der Sammlung des BMNH zugeordnet, wohlgemerkt ohne deutsch zu können oder gar die Typen jemals gesehen zu haben und seine Publikationen beruhen auf dem Weltbild dieser Sammlung. Die Staudinger-Sammlung in Berlin ist daher für viele Überraschungen gut und wir durften dort ca. tausend Typen beproben, Arbeit für Jahre ...
Bei den neotropischen Hesperiidae sind aktuell ca. 2500-3000 Arten beschrieben und noch weitere ca. 1000 Unterarten, die größtenteils aber gute Arten sind. John Burns hat mir ferner gesagt, dass nach seiner Einschätzung ca. 20% der neotropischen Hesperiidae noch unerkannt sind. Da kommt also nochmals ein mehr oder weniger knapper Tausender an Arten dazu. Wenn wir dann noch die Hesperiidae der Alten und Gemäßigten Welt hinzurechnen, was sind da schon 50 neue Gattungen. Natürlich kann man hinterfragen, was überhaupt eine Gattung ist und das habe ich auch mit Nick diskutiert. Die DNA-Forschung kann auch erkennen, wann sich Gruppen aufgespalten haben und die Idee ist, die Aufspaltung zu einem bestimmten, definierten Zeitraum als Gattungsniveau zu bestimmen. Das ist nicht willkürlich bei den Hesperiidae festgelegt worden, sondern aus anderen Studien übernommen. Damit bekommt das Gattungsniveau einen Standard im Gegensatz zur aktuellen willkürlichen Situation.
Die fünfzig neuen Gattungen sind nun aber nicht das Gesamtergebnis der DNA-Studien. Wir (Arbeitsgruppe von Nick Grishin und hier auch ich als Koautor) haben bereits drei neue Unterfamilien publiziert (alternativ hätte man die bestehenden Unterfamilien infrage stellen müssen, sucht mal unter: Three new subfamilies of skipper butterflies (Lepidoptera: Hesperiidae), ZooKeys 861: 91–105 (2019)) und dann geht es noch in das Artniveau, Arbeit ohne Ende. Sorry, aber Carcharodus, Muschampia und Spialia (da sind wir gerade dran) kommen da nicht heil bei weg und in die anderen europäischen Gattungen haben wir noch nicht reingeschaut. Also ruhig zurücklehnen ist nicht drin, schließlich bleibt mir als Rentner vor lauter Hesperiidae-Taxonomie nicht mal die Zeit für das Lepiforum (Wolfgang N. hat mich auf diesen Beitrag aufmerksam gemacht) und ein bisschen Unruhe tut uns allen gut.
Was die DNA (noch) nicht leisten kann, ist die Definition der Art. Ob es sich bei einer Differenz von xy% noch um eine Art oder schon um zwei Arten handelt, ist eine offene und vielleicht unlösbare Frage. Hier also geht es dann zusätzlich um Morphologie und Biologie (wobei wir bei den tropischen Hesperiidae oft schon gar nicht die Weibchen kennen, geschweige denn Larvalstadien und Futterpflanzen). Es gibt viel zu tun, wobei das ja stetig weniger wird, weil die Arten schneller verschwinden als sie entdeckt werden können.

Und ja, Herr Huber, den Überblick verliere ich auch, wobei ich ehrlich gesagt vorher auch nur wenig verstanden habe. Ich habe dem größten Kenner der neotroischen Hesperiidae (Olaf Mielke) mal gesagt, dass ich, je mehr ich mich mit den Viechern beschäftige, immer weniger verstehe und auf immer mehr Probleme stoße. Er hat mir gesagt, dass wäre normal. Die DNA bietet nun die Chance, einige dieser bislang unklärbaren Probleme fundiert zu lösen.
Das wirklich gute ist, dass wir nun Arten nicht nur mit einem oft rudimentären Typus definieren können, sondern mit weiteren Exemplaren gleicher DNA. Der einzigartige Typus wird damit nicht mehr der Mittelpunkt der taxonomischen Welt, das Arbeiten fällt leichter und zugleich wissen wir nun, ob zwei Arten wirklich nah verwandt sind oder nur, wie so oft in den Neotropen, Teil eines Mimikryringes sind, die sich perfekt kopieren und uns täuschen. Nick Grishin hat vor kurzem eine fast nur neotropische Unterfamilie der Hesperiidae, die Eudaminae fast völlig neu aufgestellt (Genomes of skipper butterflies reveal extensive
convergence of wing patterns) und ich kann hier so ziemlich alles vergessen, was ich an Gattungszugehörigkeiten gelernt hatte. Da kommt noch vieles auf uns zu und die Determination nach morphologischen Merkmalen wird genaugenommen nicht schwieriger, nur richtiger. Aber hin und wieder leider auch unmöglich, die Evolution war da teilweise ziemlich rücksichtslos. Wir können uns da nur damit trösten, dass auch die Viecher selbst sich hin und wieder in der Artfrage vertun.

Ach ja, natürlich gibt es in dieser DNA-Taxonomie auch einige Scharlatane, die meinen, nur mit Barcodes Mengen an Arten neu beschreiben zu können. Zum Glück bewegen diese sich bislang nicht in den Hesperiidae, mangelndes Interesse hat auch seine guten Seiten.

Herzliche Grüße
Ernst Brockmann

Beiträge zu diesem Thema

neue Hesperiidae..
Re: neue Gattungsgliederung bei den Hesperiidae ...
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