Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles ausser Bestimmungsanfragen

Schlehenspinner - Drama *Foto*

Guten Abend,

die folgende Geschichte hat sich diese Woche zugetragen. Es ist zwar mehr ein Blog-Posting als ein Forumsbeitrag, aber kürzer lässt sie sich nicht gut erzählen:
(Die, die Schlehenspinner gut kennen, können gleich nach unten zu den "forensischen" Fotos scrollen.)

Am 15. September hatte ich zwei Schlehenspinner-Raupen an einer Hecke gefunden. Eine der beiden war schon dabei, sich einen Kokon an einem Zweig zu spinnen. Von der Größe der Raupe her wusste ich, dass es ein Weibchen werden würde. Die Raupen der Männchen verpuppen sich ziemlich genau halb so groß. Das brachte mich auf die Idee, ein Gelege überwinternde Eier zu bekommen, um im nächsten Jahr eine Schlehenspinner-Zucht zu starten. Schlehenspinner haben ja sehr schöne, muntere Raupen, die einfach zu halten sind.

Um sie mitzunehmen, musste ich sie leider aus ihrem fast fertigen Kokon holen. Zu Hause hat die schon fast haarlose Raupe mit ein paar Fäden versucht, einen neuen Kokon zu spinnen, aber am selben Abend setzte die Transformation zur Puppe ein, d.h. die Raupe zog sich zusammen und konnte nur noch hin und her wackeln. Da habe ich sie auf etwas Blumenerde* gelegt und in Ruhe gelassen, wo sie sich dann auch gut in eine dicke Puppe verwandelt hat.

Nun braucht man aber auch noch ein Männchen, um ein Gelege zu bekommen. Dafür gab es zwei Chancen: Die zweite Raupe und einen Kokon, den ich eine Woche zuvor im Wald gefunden hatte (an einem Haselnussbusch, Blattunterseite). Die Puppe im Kokon hatte die Größe eines Männchens und auch die Raupe verpuppte sich vier Tage später in Männchen-Größe.

Bei dem Kokon aus dem Wald blieb allerdings alles still.** Und nach nur 9 Tagen schlüpfte im Puppenkasten das flügellose Weibchen. In Ermangelung eines Kokons klammerte es sich an die leere Puppenhülle, was entsprechend instabil war, wollte sich aber auch nicht davon trennen.

Nun stand ich vor der Wahl, entweder 4-5 Tage auf das zweite Männchen zu warten, mit der Unsicherheit, ob das Weibchen so lange durchhält, oder das Weibchen irgendwo draußen unterzubringen in der Hoffnung, dass es ein Männchen anlockt.

Ich baute daher ein kleines Podest aus einer Streichholzschachtel umwickelt mit regendurchlässigem Stoff (Synthetik), an dem sich der Falter auch festhalten konnte und legte es in eine Plastikschale mit Abflusslöchern für den Fall, dass es regnet. Diese Vorsichtsmaßnahme erwies sich als sehr gut, denn schon eine Stunde später ging der Regen los… Das Weibchen brachte ich zu der Hecke, wo ich die Raupe gefunden hatte. Dort schienen mir die Chancen am besten, jetzt noch fliegende Falter anzutreffen. Die Schale stellte ich innerhalb der Hecke auf einen Erdhügel, so dass sich die Pheromone gut verbreiten konnten. Die Hecke selbst ist auch auf einer Anhöhe, also die Lage war ideal. Ich rechnete damit, das Weibchen mehrere Tage dort zu lassen und jeden Tag nachzuschauen, ob eine Paarung stattgefunden hat.

Gegen andere Krabbeltiere saß das Weibchen auf dem Podest in der Plastikschale ja geschützt wie in einer Burg mit Burggraben und Wasser konnte auch gut abfließen. Nur um eines machte ich mir jetzt Sorgen: Für Vögel saß sie dort leider wie auf dem Präsentierteller! Und von Fütterungen im Winter wusste ich, dass Vögel sehr schnell alles Fressbare finden, was sie erreichen können.

Das Weibchen hatte ich gegen Mitternacht ausgesetzt. Der kurz darauf einsetzende Regen hielt fast die ganze Nacht an. Es war nass und kalt, überhaupt kein gutes Flugwetter für Nachtfalter.

Am nächsten Abend machte ich mich auf den Weg zur Schlehenhecke mit dem Weibchen und fand auf den ersten Blick meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet: Sie war weg! Aber halt, die Puppenhülle war noch da. Wie kann das sein, wenn sie sich daran festgehalten hatte? Beim näher hinschauen sah ich einige Eier, mit der die Puppenhülle am Stoff festgeklebt war. Na, wenigstens etwas… Hatte sie sie aus Panik abgelegt, weil ein Vogel sie bedrängt hat? (Jetzt erscheint mir das unwahrscheinlich, aber das war der erste Gedanke.) An der Wand der Plastikschale sah ich eine größere Menge Schuppen verteilt, zu viel eigentlich, als dass das flügellose Weibchen sie dort hätte abstreifen können (Foto C). Ich nahm die Schale mit nach Hause. Beim Fotografieren entdeckte ich mit dem Makroobjektiv dann am Boden der Schale das rechts im Bild (Foto B):

Zuerst hatte ich die Struktur für eine tote Mücke (Schmetterlingsmücke) gehalten, die während des Regens in die Schale gefallen war. Aber damit war es sicher: Die vielen Schuppen stammen von den Flügeln eines Männchens und - Hurra, die Eier sind befruchtet!!!

Was war da genau passiert?

Auch aufgefallen war mir, dass an einer Stelle ein paar Eier dunkler beige und nicht so klar gezeichnet waren wie die anderen. Zu Hause waren sie bald (nach 20 min) genauso weiß wie die anderen. Das heißt sie waren noch ganz frisch! (unten im Bild)

Eine „forensische“ Rekonstruktion könnte daher so aussehen:

- Trotz der Kälte fliegt ein Männchen an, eventuell erst in der Morgendämmerung (oder auch Tags?). Sie paaren sich und das Männchen bleibt neben dem Weibchen sitzen. Das Weibchen fängt an, Eier zu legen.

- Irgendwann am späten Nachmittag entdeckt ein Vogel die beiden Falter und holt sich erst den einen, dann den anderen. Das Männchen entkommt dabei zuerst in den Spalt zwischen Podest und Wand und schlägt dabei kräftig mit den Flügeln. (Oder war es eine Hornisse?? Der abgebissene Kopf würde darauf hindeuten.)

Bei alldem Drama hat das Weibchen etwa 90 Eier gelegt. Das ist zwar nur ein Drittel davon, was sie hätte legen können. Aber wenn sie gut über den Winter kommen, ist es bei weitem genug. Und an die Raupen wird dann kein Vogel oder sonstiges Jägertier herankommen…

Viele Grüße
Uwe

* Käufliche Blumenerde mit Kokosfasern und Mykorrhiza scheint ein hervorragendes Verpuppungssubstrat zu sein, in das sich Raupen sehr gerne eingraben. Nur feucht und locker sollte sie sein. Die Kokosfasern speichern Wasser, ohne zu schimmeln und durch die Mykorrhiza-Hyphen oder Sporen scheint Schimmel auch sonst nur sehr begrenzt aufzutreten (auf Papier gehen die Hyphen allerdings los und überziehen es in ein paar Tagen mit weißem Fell. Aber das schadet den Raupen offenbar nicht.).

** Nachdem das Weibchen geschlüpft war, habe ich den Kokon geöffnet und die Puppe näher angeschaut - sie war trocken und unbeweglich. Beim Öffnen befand sich darin eine dicke Fliegen- oder Wespenlarve, die alles aufgefressen hatte.

Beiträge zu diesem Thema

Schlehenspinner - Drama *Foto*
Orgyia antiqua: frische und ausgehärtete Weibchenpuppe *Foto*
Orgyia antiqua: Raupe eines Männchens *Foto*
Orgyia antiqua: noch ein Foto der Eier *Foto*