Polyommatus coridon
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Forum 2: Alles ausser Bestimmungsanfragen

Re: Papilio saharae ssp. melitensis - da werde ich arg hellhörig!

Lieber Erwin, liebe Martine,

ich kenne P. saharae vom Nordrand der Sahara (Algerien: Biskra, El Kantara, Ain Touta; Tunesien: Gabès, Douz). Mit Ausnahme von Gabès sah ich nie ein syntopes Vorkommen von P. saharae und P. machaon. Alle meine P. saharae-Beobachtungen waren ausgesprochen kleine Falter, selbst diejenigen von Ain Touta (Westrand des Jebel Aurès), was immerhin schon ausserhalb des saharischen Einflusses liegt.

Schaue ich mir die abgebildeten Falter bei MOONEN an, finde ich mit Ausnahme des einen abgebildeten Falters von Tataouine (Südtunesien) wenig Übereinstimmung mit den saharae-Phänotypen, wie die ich seinerzeit beobachtet habe. Die wenigen (oft größeren) Falter, die ich einmal von dem Händler M. Tarrier aus Südmarokko erhielt, sehen ebenfalls anders aus.
Die mir bekannten, Malta/Sizilien nächstgelegenen nordafrikanischen P. saharae-Vorkommen (außerhalb der Wüstensteppen / Wüste) liegen im tunesischen Mittelmeer-Littoral, nördlich zumindest bis Sfax). Ob der Falter von Sousse-Hammam (abgebildet in Moonen 2012) tatsächlich P. saharae darstellt, würde ich mal offen lassen oder gar bezweifeln.

Die P.machaon-Gruppe ist bekannt für einige Beispiele syntop vorkommender und hybridisierender Taxa (z.B. machaon/hospiton oder das nordamerikanische Tandem P. glaucus/P. canadensis). Das macht die Zuordnung von Mischpopulationen sehr problematisch.

Infolge zunehmender "Kultivierung" des Nordrands der nordafrikanischen Wüste hat sich dort mittlerweile auch P. machaon ansiedeln können. Die zunehmend häufiger anzutreffenden "großen" P. saharae sind möglicherweise das Resultat von Hybridisierung, während der kleine Wüsten-Schwalbenschwanz immer seltener wird (und zwar so selten, dass er als P. neosaharae neu beschrieben wurde...). Ich halte eine Gen-Introgression zwischen den beiden Arten P. machaon und P. saharae in Nordafrika für sehr wahrscheinlich, incl. einer nicht zu schmalen Hybridisierungszone am Südrand der Atlasketten.

Meiner Einschätzung nach kommen aktuell (grob skizziert) "reine" nordafrikanische P. saharae-Populationen nur fern menschlicher Kulturflächen vor. Sie dürften zudem durch zunehmende Hybridisierung mit P. machaon zurückgehen (Gefährdungsfaktor?). Die Arealgrenze des nordafrikanischen P. machaon hat sich vermutlich in den letzten Jahrzehnten deutlich anthropogen ausgeweitet. Gegründet bzw. gefördert wurde/wird dies u.a. durch Bewässerungsprojekte und Handel/Kultur von Doldenblüler-Arten, wie Koriander, Petersilie und Fenchel. Stärker in Kultur genommene Wüstensteppengebiete südlich der nordafrikanischen Atlasketten weisen daher heute oft Mischpopulationen beider Arten auf (wobei P. saharae die kulturmeidende Art ist). Dr. Malles Bild.Nr. 3 http://www.lepiforum.de/forum.pl?md=read;id=31423 eines "saharae"-Falters auf Luzerne (!) saugend, stammt klar aus dem Kulturland und ist daher mit Sicherheit P. machaon (trotz der Lage des Fundorts am Nordrand der Sahara). Anders als P. saharae dürfte der nordafrikanische P. machaon nicht in der Lage sein, als Puppe mehrere Jahre zu überliegen. Diese Fähigkeit ist ganz charakteristisch für P. saharae.

Das "Taxon" neosaharae soll ökologisch durch ausschließliche trophische Bindung an eine andere Doldenblütler-Art als P. saharae charakterisiert sein (vermutlich ein Kartier-Artefakt). Aufgrund seiner olfaktorisch basierten Wirtspflanzenfindung (vgl. unser Schwalbenschwanz) dürfte P. saharae (s.l.) zwangsläufig alle standörtlich verfügbare Apiaceae zur Eiablage nutzen können, denn in Wüstenregionen gibt es dort nun mal kaum Auswahl. Zudem soll laut M. tarrier P. "neosaharae" angeblich einbrütig sein (Februar bis April) und im Hügelland (bis max. 1800 m), optimal 1400 m) leben, P. saharae dagegen fakultativ zweibrütig (Februar - Mai, September-Oktober) sein, und die Hochlagen bevorzugen (kaum je unter 2000 m). Dumm nur, dass der Typenfundort von P. saharae Obth. bei Laghouat (alger. Nordsahara) bestenfalls 13-1400 m hoch liegt. Bei Biskra fand ich kleine P. saharae-Falter in extrem steril-felsigen Berghängen nördlich der Stadt zwischen 200- 300 m Höhe (das Hilltopping-Verhalten ist bei P. saharae noch viel ausgeprägter als bei P. machaon).

Tarrier, M. (2015): Description préliminaire d’un nouveau Porte-queue érémicole du Maroc (Lepidoptera Rhopalocera Papilionidae). - Alexanor 27(3): 171-183.

Nach dem, was ich (u.a.) von Roger VILA erfahren habe, unterscheidet sich die "Spezies" P. neosaharae TARRIER (südl. Marokko, Wüstenhabitate) genetisch in nichts von anderen marokkanischen P. machaon/P.saharae (genetisch geht da also nichts oder fast nichts...). Auch unter den teuer verkauften "P. saharae" von M. Tarrier finden sich zweifellos hybridogene Individuen.

Zu den europäischen P. saharae:

Der vielerorts herrschende Zwang, immer und um jeden Preis POPULATIONEN in ein ART-Korsett pressen zu wollen/müssen, stört mich zunehmend. Es wäre ja durchaus plausibel, wenn auf Malta oder Sizilien P. machaon agg.-Populationen mit afrikanischen Genen vorkämen. Aber warum muss dann in Ermangelung einer schnellen Erklärung sofort zu Papilio saharae gegriffen werden? Herr Leraut, die französische Alexanor-Leserschaft und viele andere haben ja noch nicht einmal den Anschlag mit P. neosaharae nov. sp. (aus dem Eremial!) korrekt verarbeitet, denn es fehlt bislang jede Art öffentlicher Reflektion/Reaktion dazu.

Martine, deine Fotos sind klasse und dokumentieren tatsächlich eine ungewöhnliche und bemerkenswerte P. machaon-Form. Es ist richtig, dass auch P. saharae stärker verschwärzt ist, als die P. machaon-Populationen in seinem Umfeld.

Zur Ansicht hier mal P. saharae so, wie ich sie kennengelernt habe:

P. machaon s.l. - Text in:
Etudes de Lépidoptérologie Comparée 10 (1915) (texte):

https://www.biodiversitylibrary.org/item/37366#page/22/mode/1up

P. machaon & P. saharae - farbige Abbildungen in:
Etudes de Lépidoptérologie Comparée 10 (1915) (planches):
https://www.biodiversitylibrary.org/item/40408#page/243/mode/1up

PLANCHE CCLXXVI
N° 2253. Papilio Machaon, Linné, Maison-Carrée [= ein Vorort von Algier]
N° 2254. Papilio Machaon-Saharae-Fenestrella, Verity, Biskra ; janvier 1910.
N° 2255. Papilio Machaon-Maxima, Verity, Tanger.

PLANCHE CCLXXVII
N° 2256. Papilio Machaon-Concavifasciatus, El-Kantara; août 1912.
N° 2257. Papilio Machaon-Convexifasciatus, El-Outaya; juillet 1910
[beides sind = P. saharae]

Viele Grüße : Hermann

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Re: ein "bis" zu viel - danke, ist korrigiert; Gruß, E.R. *kein Text*
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