Polyommatus coridon

Bestimmungshilfe für die in Europa nachgewiesenen Schmetterlingsarten

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Agonopterix Adspersella

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Bestimmungshilfe / Schmetterlingsfamilien / Elachistidae (Unterfamilie Flachleibmotten)
EU M-EU 01698 Agonopterix adspersella (KOLLAR, 1832)

1, ♂: Schweiz, Bern, La Neuveville, 530 m, Felsflur, Flaumeichenwald und Magerrasen, leg. Raupe 6. April 2006 an Bupleurum falcatum (Foto am 21. Mai 2006: Rudolf Bryner), cult. & det. Rudolf Bryner
2-3: Österreich, Niederösterreich, Scheiblingkirchen: Türkensturz; Mischwald, Halbtrockenrasen, Felsflur, 580 m, leg. Raupen an Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum) 25. April 2008, e.p. 21. bzw. 23. Mai 2008 (Fotos: Peter Buchner), leg., cult. & det. Peter Buchner
4: Spanien, Huesca, Candasnos, Arroyo de Valcuerna, 180 m, 29. September 2017, am Licht (fot.: Matthew Gandy), det. Peter Buchner [Forum]
5: Ukraine, Krim, Судак, б. Арнаут-Кышласы, Mai 2015, e.l. leg. Mai 2015 (cult. & fot.: Vladimir Savchuk), det. Vladimir Savchuk Bis 2. Juni 2020 auf der Seite von Agonopterix feruliphila gezeigt


Raupe

1: Schweiz, Bern, La Neuveville, 530 m, Felsflur, Flaumeichenwald und Magerrasen, an Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum), 14. Mai 2006 (Freilandfoto: Rudolf Bryner) [Forum]
2, erwachsene Raupe (18 mm): Österreich, Niederösterreich, Wachau, an Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum), leg. 19. April 2008 (Foto am 25. April 2008: Peter Buchner), det. durch Zucht Peter Buchner
3, Jungraupe (7 mm): Daten wie [2] (Foto am 19. April 2008: Peter Buchner)
4: Ukraine, Krim, Судак, б. Арнаут-Кышласы, 3. Mai 2015 (Studiofoto: Vladimir Savchuk), det. Vladimir Savchuk Bis 2. Juni 2020 auf der Seite von Agonopterix feruliphila gezeigt


Fraßspuren und Befallsbild

1, "Blatthäuschen" an Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum): Schweiz, Bern, La Neuveville, 530 m, Flaumeichenwald und sonnenexponierte Kalkfelsplatte, 6. April 2006 (Foto: Rudolf Bryner), det. Rudolf Bryner [Forum]
2, Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum) mit mehreren bewohnten Blattgehäusen, in dem in der Bildmitte befand sich die Raupe 3 (Daten siehe dort)


Puppe

1: Schweiz, Bern, La Neuveville, 530 m, Felsflur, Flaumeichenwald und Magerrasen, leg. Raupe 6. April 2006 an Bupleurum falcatum (Foto im Mai 2006: Rudolf Bryner), cult. & det. Rudolf Bryner
2: Ukraine, Krim, Судак, б. Арнаут-Кышласы, 9. Mai 2015, e.l. leg. Mai 2015 (cult. & fot.: Vladimir Savchuk), det. Vladimir Savchuk Bis 2. Juni 2020 auf der Seite von Agonopterix feruliphila gezeigt



Diagnose

Geschlecht nicht bestimmt

1-2: Daten siehe Etikett (fot.: Michel Kettner), coll. ZSM, "Klimesch-Sammlung"


Erstbeschreibung

KOLLAR (1832: 92)


Beschreibung als Depressaria feruliphila

MILLIÈRE (1866: 209-211, 243, pl. 73 figs. 1-3 [nach Copyright-freien Scans auf www.biodiversitylibrary.org]



Biologie

Nahrung der Raupe

Unter Agonopterix feruliphila werden weiters angeführt:

Frédéric Rymarczyk (in litt.) nennt eine Reihe weiterer Apiaceae, die hier aber nicht genannt werden, da es sich um unpublizierte Daten handelt.


Nachweismethoden und Lebensweise

Die Raupen von A. adspersella spinnen sich im Frühjahr "Blatthäuschen" am Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum). Die Verpuppung erfolgt in der Streuschicht am Boden, im Zuchtbehälter in einem Gespinst aus Sandkörnen. Die Falter sind sehr verborgen und halten sich meistens am Boden unter Pflanzen oder dürren Blättern auf. Geschlüpfte Falter werden daher im Zuchtgefäss oft übersehen [Rudolf Bryner].



Weitere Informationen

Andere Kombinationen

Synonyme


Kommentar zur Agonopterix adspersella Gruppe und zur Synonymisierung von Agonopterix feruliphila mit Agonopterix adspersella

Der folgende Text ist eine Zusammenfassung und Übersetzung des Kapitels „Comments on the taxonomic position of problematic taxa from the Agonopterix adspersella group“ (Buchner & Sumpich, 2020, p. 224-230), also der „A. adspersella-Gruppe s.str.“ mit den Arten Agonopterix adspersella (Kollar, 1832), A. thapsiella (Zeller, 1847) und Agonopterix chironiella (Constant, 1893), ergänzt mit einigen weiteren hier hinzugefügten Informationen.

Seit der Synonymisierung durch REBEL (1901) galt A. feruliphila (MILLIÈRE, 1866) als konspezifisch mit A. thapsiella (ZELLER, 1847). RYMARCZYK et al. (2013) haben erkannt, dass diese Synonymie falsch ist und A. feruliphila wieder als eigenständige Art definiert. Leitmerkmal war die Farbe der Brustbeine der Raupen: wenigstens vorderstes Paar schwarz bei A. feruliphila, durchgehend hell gelblich oder grünlich bei A. thapsiella.

Im Zuge der Vorbereitungsarbeiten zu „ME: Depressariidae“ wurde die Mehrheit der großen öffentlichen europäischen Sammlungen sowie viele Privatsammlungen besucht und studiert (Liste auf p. 202). Die Änderung des Status von A. feruliphila war fast nirgends umgesetzt, die Arten der A. adspersella-Gruppe s.str. also fast durchwegs auf die 3 Taxa A. chironiella (äußerlich recht gut kenntlich) und A. adspersella & A. thapsiella verteilt. Die beiden letzteren waren auch dann, wenn sie nicht gezüchtet und nicht genitalisiert waren, dem einen oder anderen Taxon zugeordnet. Die Kriterien dafür blieben oft genug unklar, aber darum geht es hier vorerst gar nicht, sondern darum, dass 3 gute Arten unterschieden wurden. Mit A. feruliphila stat. rest. gab es aber auf einmal eine 4. Art in dieser Gruppe. Schaut man sich in den Sammlungen die unter A. adspersella & A. thapsiella steckenden Belege genau an, entdeckt man tatsächlich immer wieder Tiere, die nicht so recht hineinpassen. In manchen Sammlungen findet man sie bei A. thapsiella, in anderen bei A. adspersella, in weiteren sogar bei beiden. Nimmt man sie heraus und steckt sie als eigenen Block zusammen, wundert man sich, warum nicht früher erkannt wurde dass sich hier eine 4. Art verborgen hatte. Sie unterscheidet sich vom Artenpaar A. adspersella & A. thapsiella viel deutlicher als A. adspersella von A. thapsiella, sowohl äußerlich als auch in den Genitalien.

Diese 4. Art ist jene, die in RYMARCZYK et al. (2013) als A. adspersella (KOLLAR, 1832) dargestellt ist. Die genauen Hintergründe dieser Interpretation sind mir nicht bekannt, es wäre aber naheliegend, dass sie diese besagte 4. Art, die weder A. chironiella noch A. thapsiella noch A. feruliphila ist, in diversen Sammlungen entdeckten und den Schluss gezogen haben, das müsse die echte A. adspersella sein.

Bei diesen Vorbereitungsarbeiten konnte geklärt werden, dass diese „4. Art“ als A. cadurciella (CHRÉTIEN, 1914) beschrieben wurde, Typusbeleg und Genitalpräparat befinden sich im MNHN (Paris) und konnten dort geprüft werden. Unklar blieb aber vorerst, ob die Interpretation von RYMARCZYK et al. nicht doch richtig ist, weil auch Kollar diese Art vorlag, als er 1832 A. adspersella beschrieb.

Der Weg zur Klärung ist an sich die Überprüfung der Typen. Tatsächlich findet man im NHMW (Wien) einen Beleg unter A. adspersella mit dem Zusatzetikett „Type“. Diese wurde aber von Rebel hinzugefügt und es ist nicht nachvollziehbar, ob dieser Beleg tatsächlich Kollar vorlag und er bei der Beschreibung berücksichtigt wurde – andernfalls ist es kein Typusexemplar im Sinne des ICZN. Die Überprüfung dieses „Typus“ zeigte, dass er konspezifisch ist mit der Art, die später als A. feruliphila beschrieben wurde, nicht aber mit der später als A. cadurciella beschriebenen Art. Ein wirklich belastbares Argument zur Synonymisierung von A. feruliphila mit A. adspersella liefert der Beleg aber aufgrund des unsicheren Typenstatus nicht. Erfolgversprechender war, die Typenlokalität unter die Lupe zu nehmen. Sie ist in Kollar´s Originalbeschreibung als „Mödling und Baden“ angegeben, also ein Teil der Thermenlinie südlich von Wien. Eine Überprüfung der Herkunft aller in den Sammlungen entdeckten Belege von A. cadurciella hat ergeben, dass nicht ein einziger von der Thermenlinie stammt. Anderseits ist die Art, die als A. feruliphila beschrieben wurde, in dieser Region häufig. Es ist also extrem unwahrscheinlich, dass Kollar bei der Beschreibung von A. adspersella nicht diese hier häufige Art vorlag sondern die als A. cadurciella beschrieben Art - das wäre dann das einzige aus dieser Region je belegte (und dann umgehend verschollene) Exemplar! Dieser Befund war letztlich ausschlaggebend für die Synonymisierung von A. feruliphila mit A. adspersella (KOLLAR, 1832).

Weniger erfolgreich war das Bemühen, klare Kriterien zur Unterscheidung adulter A. adspersella und A. thapsiella zu finden. Schaut man sich die Raupen an, handelt es sich um 2 klar getrennte Arten, bei den Faltern verschwimmen die Grenzen allerdings, sowohl bei den äußeren als auch bei den Genital-Merkmalen. Die am Beginn meiner Recherchen für „ME: Depressariinae“ vorhandene Bewunderung für die Sicherheit, mit der (mir unbekannte) Lepidpterologen A. adspersella von A. thapsiella unterscheiden konnten hat sich bald relativiert. Denn praktisch niemand von ihnen erkannte, dass eine weitere, äußerlich durchaus gut kenntliche Art dabei war (mit einer einzigen Ausnahme: im TLMF Innsbruck fand sich – abgesehen vom Typus in Paris – der einzige richtig als A. cadurciella bestimmte Beleg dieser Art). Doch nicht genug: Es war sogar noch eine 5. Art daruntergemischt, zwar äußerlich weniger auffällig, aber anhand der Genitalien zweifelsfrei unterscheidbar, und trotzdem bis zu ihrer Beschreibung als Agonopterix olusatri CORLEY & BUCHNER, 2019 durchgehend unerkannt.

Die auf der Basis des Wissensstandes von Anfang 2020 daraus gezogene Schlussfolgerung ist, dass es in der A. adspersella-Gruppe eine ganze Reihe unerkannter Probleme gab. Einige konnten geklärt werden, aber keineswegs alle. So bleiben bei der Zuordnung nicht gezüchteter Tiere zu A. adspersella oder A. thapsiella Belege übrig, wo das nicht eindeutig möglich ist - es wird empfohlen, solche Belege als A. adspersella/thapsiella abzulegen. Große Wissenslücken bestehen noch bei den Nahrungspflanzen, z. B. ob sich A. adspersella und A. thapsiella in ihrem Nahrungspflanzen-Spektrum (das in jedem Fall recht groß ist) klar unterscheiden. Unbekannt ist auch, ob sich die Inhaltsstoffe einer Nahrungspflanzen-Art modifizierend auf Raupen- oder Faltermerkmale auswirken. Wissensdefizite gibt es weiters was das Auftreten von Hybriden betrifft, und wenn es solche gibt, ob sie sogar in Ausnahmefällen fruchtbar sein können.

Es liegen bereits reichlich Barcodes von allen diesen Arten vor. Sie zeigen einerseits, dass sowohl A. cadurciella als auch A. olusatri etwas abseits der A. adspersella-Gruppe s.str. liegen, anderseits dass diese 3 Arten einander sehr nahe stehen. Die vorhandenen Barcode-Unterschiede sind sehr klein und eine wesentliche Hilfe bei der Bestimmung sind sie nicht, jedenfalls nicht auf Basis der aktuellen Datenlage.

Noch ein paar Informationen zu A. chironiella: Die Art scheit monophag an Opopanax chironium zu leben, jedenfalls sind alle gezüchteten Tiere an dieser Pflanze gefunden worden. Die Falter sind durch ausgedehnte dunkle Bereiche am Vorderflügel auffällig düster, eine Verwechslungsgefahr mit A. adspersella bzw. A. thapsiella besteht eigentlich nicht, wenigstens bei frischen Tieren. Die Genitalien entsprechen aber denen der A. thapsiella, auch die Raupen sind kaum verschieden. Bis 2019 war die Art ausschließlich aus Frankreich und Italien bekannt, Rudi Seliger gelang durch eine Zucht dieser Art ein Neunachweis für Griechenland (Peloponnes). Dass Arten mit ihren Nahrungspflanzen weiter verbreitet sind als aktuell bekannt ist, kann man immer wieder feststellen, insofern ist dieser Neunachweis nicht ganz überraschend. Bemerkenswert sind aber die genetischen Befunde: A. chironiella vom Gargano-Gebiet in Italien unterscheidet sich in der Barcode-Sequenz geringfügig von den griechischen Tieren, aber für beide Varianten gib es A. thapsiella-Tiere mit identischem Barcode. Die Unterschiede sind zwar gering, aber dass beide eine 100 % - Entsprechung unter A. thapsiella haben spricht für eine unvollkommene Reproduktionsbarriere mit gelegentlichem Auftreten fertiler Hybride, was zu Sequenz-Introgression führt. Oder A. chironiella ist überhaupt keine eigene Art, sondern eine Modifikation von A. thapsiella, hervorgerufen durch die spezifischen Inhaltsstoffe von Opopanax chironium. Im gegenständlichen Fall gibt es noch keine konkreten Untersuchungen, aber als Ursache identischer Barcodes bei 2 getrennten Arten ist Introgression bei Schmetterlingen bereits mehrfach nachgewiesen. Modifikation als mögliche Ursache scheint dagegen unwahrscheinlich, wenngleich nicht unmöglich, Zuchtversuche könnten eine Antwort bringen. Im Moment geht es hier nur darum zu zeigen, dass die A. adspersella-Gruppe noch ein weites Feld für zukünftige Forschungen ist.

(Autor: Peter Buchner, 2. Juni 2020)


Literatur


Informationen auf anderen Websites (externe Links)


Bestimmungshilfe / Schmetterlingsfamilien / Elachistidae (Unterfamilie Flachleibmotten)
EU M-EU 01698 Agonopterix adspersella (KOLLAR, 1832) art-mitteleuropa

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Letzte Änderung am Januar 21, 2021 22:46 von Erwin Rennwald
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